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„… ohne Frauen baut man keine Gemeinde“
Frauen-Persönlichkeiten aus 125 Jahren Gemeindegeschichte
Festvortrag von Dr. Jessica Kriewald

 

„… ohne Frauen baut man keine Gemeinde“ – dieses Zitat beschreibt eigentlich eine Selbstver­ständ­­­lichkeit. Denn ebenso wie es heute Schwestern gibt, die sich in und für die Gemeinde en­gagieren, hat es zu allen Zeiten „Schaf­ferinnen“ gegeben, ohne die der Aufbau und die Pflege einer Gemeinde nicht funk­tio­niert hätten. Dass wir uns ihrer erinnern, ist aber nicht so selbst­ver­ständlich, wie wir vielleicht meinen. Sicherlich können viele Gemeindemitglieder besondere Menschen – Männer wie Frauen – benennen, die für sie persönlich zu Vorbildern oder zu prägen­den Figuren ge­worden sind. Jenseits dieser in­dividuellen Erinnerungen ist unsere Erin­nerungs­kultur aber – und das be­trifft ja nicht nur Kirche – männlich geprägt. Was das für einen Vor­trag bedeutet, der die Frauen der Gemeinde in den Mittelpunkt stellen soll, liegt auf der Hand: Wir sind hier im Bereich der sog. „Dunkel­feld­forschung“ unterwegs.

Die schriftlichen Quellen beschränken sich im Wesentlichen auf die Kirchen­bücher und die Chro­nik zum 100-jährigen Gemeindejubiläum. Letztere nennt auf 182 Seiten 36 weibliche Ge­mein­de­mit­glieder namentlich. Die Mehrzahl davon aus den ersten drei Jahrzehnten nach Ge­mein­de­gründung. Bei den abgedruckten Fotos ist das Ungleichgewicht zwischen männ­lichen und weib­lichen Personen noch größer. Wir haben es also mit einer Verzer­rung, einem Bias in der kollek­tiven Erinnerung zu tun. Das ist an und für sich kein neues Phänomen. Man könnte sagen, dass sich die Gemeindechronisten damit in guter Tradition biblischer Autoren sowohl der Evan­ge­lien als auch der Apostelgeschichte befinden. Dieser Verzerrung ein wenig entgegenzuwirken und einige der prägenden Frauen der Gemeindehistorie ins Licht der Erinnerung zu holen, ist Ziel dieses Vor­trages. Zugleich mag der Blick auf das, was diese Frauen ausgemacht hat und was sie geleistet haben, Gelegenheit geben, über den Wert und die Vielfalt der For­men, in denen christ­li­che Gemeindearbeit auch heute stattfindet, nachzudenken.

Doch nun zur Ersten der „Sheroes“, denen heute ein kleines Denkmal gesetzt werden soll.

Anna Caroline Marie Hilmer, geborene Brandes

Marie kommt ursprünglich aus Braunschweig. Sie ist in ihrer Familie bereits die dritte Generation, die apos­to­lisch ist. Marie heiratet mit 16 Jahren den 11 Jahre älteren Heinrich. Der lebt in Mainz und ist zwei Jahre zuvor zur Apostolischen Gemeinde konvertiert. Marie und er ziehen gemein­sam nach Wiesbaden und bauen dort die aposto­li­sche Gemeinde mit auf. Marie bringt etwa im Zweijahresabstand sechs Kinder zur Welt; zwei davon sterben noch im Kindesalter. Die Familie wohnt in der Körner­straße hinter dem Luxem­burg­platz. Heinrich steht der jungen apos­to­li­schen Ge­mein­de vor und wird sie bis 1932 leiten. Marie dürfte sich dabei wohl nicht immer im Hinter­grund gehalten haben. Zu­mindest wird sie in vereinzelten Berichten als „klassische Schwes­ter Vorsteher“ beschrieben. Was das bedeuten könnte, überlasse ich jedoch Ihrer/Eurer Phantasie.

Zwischen 1930 und 1932 kommt es zum Generationenwechsel in der Gemeinde. Unter dem Ein­fluss eines jungen dynamischen Bezirksevangelisten namens Gottfried Rockenfelder verdoppelt sich annähernd die Zahl der Gläubigen. Marie und Heinrich ziehen aus Wiesbaden weg. Auch über die Gründe für den Umzug lässt sich heute nur noch spekulieren. Marie und er kehren je­denfalls später in das Rhein-Main-Gebiet zurück, wo Marie im Alter von 60 Jahren stirbt.

 

Aus derselben Generation wie Marie stammt die zweite Persönlichkeit dieses Vortrags:

Anna Bertha Vogel, geborene Enge.

Ich werde sie heute Anna nennen, was sie – Augenzeugen­berichten zufolge – tatsächlich gefreut hätte. Denn die meisten sagten immer „Muttchen Vogel“ zu ihr.

Anna stammt aus der heutigen Woiwodschaft Niederschlesien. Sie heiratet den ebenfalls aus Niederschlesien stammenden, in Dresden wohnenden Schneider­meister Oskar Julius Vogel. Gemeinsam ziehen sie nach Dotzheim. Hier hört Anna von einer Schwes­ter Kurandt das erste Mal von der apostolischen Gemeinde. Sie und Oskar lassen sich mit dem Sohn Herbert versie­geln. Dem Sohn Herbert folgen etwa im Dreijahresabstand die Töchter Herta und Elsa. Die Kinder sind noch klein, als sich Anna und Oskar scheiden lassen. Oskar schließt sich den Adven­tisten an. Anna arbeitet in einem Kinderhort und bringt die drei Kinder allein durch. Ab 1921 ge­hört sie der neu gegründeten Kirchen­gemeinde Dotzheim an und zählt damit zum Dotzheimer Ur­gestein.

Anna lebt für ihre Kinder und Enkelkinder. Diese christlich zu erziehen und mit ihnen zu beten, ist ihr wichtig. Die Benediktinerregel „Bete und arbeite“ – das ist ihr Lebensmotto. Sie hat eine durch und durch liebenswerte Art und ein un­glaub­­lich weites Herz. Haben sich die Kinder schon vor Weihnachten einmal an den raren Plätz­chen zu schaffen gemacht und raffinierterweise zur Tarnung die Ränder aller Kekse angeknabbert, wird nicht geschimpft. „Das müssen dann wohl „die Mäuschen“ gewesen sein.“ Ist der Schulweg für die Enkel von der Oma aus kürzer als von zuhause, dürfen sie bei der Oma übernachten. Christsein und in die Kirche zu gehen, das ge­hört für Anna untrennbar zusammen. Noch hochbetagt ist sie bei jedem Gottesdienst dabei. Not­falls steigt sie – Barrierefreiheit ist damals ja noch kein Thema – die Treppe vom Kirchenschiff ins Erdgeschoss rückwärts hinab.

Durchaus bemer­kens­wert finde ich, dass der Kontakt von Annas Kindern und Enkelkindern zu ihrem Vater bzw. Opa trotz Ehescheidung und unterschiedlicher konfessioneller Wege nie abge­ris­sen ist. So berichtet ihre Enkelin, Schwester Margot Streiber, dass sie nicht nur bei der Oma, sondern auch bei Opa Oskar zu Besuch war. Sich an dieser groß­zü­gi­gen und ökumenisch ver­träglichen Haltung von Anna ein Beispiel zu nehmen, wäre sicherlich auch für andere Familien in vergleichbaren Situationen ein Segen, gelingt aber bekanntlich nicht immer.

Doch zurück zur Gemeinde Wiesbaden und dem bereits angesprochenen Wachs­tum in den frühen dreißiger Jahren. Zu denjenigen, die sich zu dieser Zeit der Gemeinde an­ge­schlos­­sen haben, gehört auch Martha Ebert, geborene Oppermann.

Martha ist zwar in Rixdorf bei Berlin geboren, wächst aber in Wiesbaden auf, wo der Vater an der heutigen Erich-Ollenhauer-Straße eine Schreinerwerkstatt betreibt. Sie steckt gerade in einem Teu­fels­­­kostüm und ist auf dem Weg zum Karneval, als ihr jemand erstmals von der neuapos­to­lischen Kirche erzählt. Sie erhält eine An­stellung im Haushalt des bereits er­wähnten Bezirk­sevan­gelisten Rockenfelder, der zusammen mit seiner Frau gerade Nachwuchs bekommen hat. Zur Entbindung des eigenen Sohnes Arthur befindet sich nicht nur Martha im Krankenhaus, sondern auch ihr Mann Hermann, dem ein Pferd ins Gesicht getreten und ihn so übel zugerichtet hatte.

Martha ist ein offener, praktischer und zupackender Typ oder, wie es frommere Zeitgenossen aus­­­drücken, eine Martha, wie sie im Buche steht. Martha hält Kindergottesdienst. Und Martha kümmert sich, wo immer Not am Mann oder an der Frau ist. Zusammen mit einer katholischen Ordensschwester versorgt sie während der Luftangriffe auf Wiesbaden eine hochschwangere Frau. Gott sei Dank ist alles gut gegangen. Denn sonst hätten wir Schwester Annemarie Jorga, das Baby von damals, wohl niemals kennengelernt. Kranken bringt Martha, stets mit dem Fahr­rad un­terwegs, Suppe vorbei. Aus dem Garten, den sie und Hermann kurz vor der Straßenmühle an der Stelle, wo einmal eine Brücke über den Mosbach ging, bewirt­schaf­ten, bekommen die­jeni­gen ab, die noch weniger haben. Für eine junge Familie organisiert sie frische Milch von Dotz­heimer Bau­ern. Den kleinen Frank, der frühmorgens bei Eiseskälte zusammen mit seiner Mutter auf den Bus wartet, der ihn zur Schule für Hörgeschädigte nach Friedberg bringen soll, versorgt sie mit heißem Tee. Die praktische Nächstenliebe und der unerschütterliche Missionseifer von Martha waren offenbar nicht nur für die Mutter von Anne­ma­rie An­lass, sich für die Neuapos­toli­sche Kir­che zu interessieren. Anerkennend berichten ältere Amtsträger, dass Martha vermutlich mehr Men­schen zum Glauben gebracht hat als manch einer von ihnen. Ein anderer fasst zu­sam­men: Martha war einfach toll; von dem Typ könnte man heute auch noch ein paar gebrauchen.  

 Wir kommen zum nächsten Berliner Mädchen. Ottilie Ehmer, oder den meisten nur bekannt als „Tante Otti“. Otti war Kriegerwitwe und kam aus dem ausgebombten Berlin nach Wiesbaden. Hier war sie Teil eines Berliner Mädel-Trios, dem außer ihr noch Schwester Ilse Pohlmann (spä­tere Bell und heutige Karnick) und Schwester Erika Dittfach angehörten, und die alle in demsel­ben Haus in der Erasmusstraße wohnten.

Tante Otti und der Kinderchor. Das gehörte einfach zusam­men. Otti leitete von den frühen 60er bis in die 80er Jahre den Kinderchor der Gemeinde. Sie hat damit Generationen von Kin­dern musi­ka­lisch geprägt. Ihre früheren Sängerinnen und Sänger schwärmen nach wie vor, dass Otti für Kinder wie gemacht war. Wer nach der Kinder­chor­probe, die sonntags nach dem Gottes­dienst stattfand, nicht anders nach Hause kam, wurde von ihr in ihrem DAF herumge­fah­ren. Spä­ter soll es ein dunkelgrüner Citroën gewesen sein. Die Sache mit dem Kinderchor ist tatsächlich so prä­gend für die Erinnerung an Otti, dass es einiger Recherche bedurfte, um über­haupt he­raus­­­­­zu­fin­den, wovon sie gelebt hat. Hier konnte ermittelt werden, dass sie „im Büro“ gear­bei­tet hat. Tat­säch­lich war dieses Büro zumindest eine Zeitlang die Kirchenverwaltung Im Wie­sen­grund in Dotzheim.   

Von Otti zur letzten Persönlichkeit des Vortrags ist es nur noch ein kleiner Schritt. Denn wie keine zweite hat diese sich für die Kinder der Gemeinde ins Zeug gelegt. Sie hat Kinder­got­tes­dienst ge­halten. Sie hat die Vorsonntagschule für die 3-6-Jährigen aufgebaut. Sie hat unzählige Kinderfeste organisiert, die jährlich statt­fin­den­­­de Kinderlesenacht ins Leben gerufen und ist die Erfinderin des „Quetschebrötsche“. Denn wie versorgt man im Garten im Aukamm jedes Jahr eine Heerschar von Kindern mit Kuchen von hei­mi­schem Steinobst, ohne zugleich eine Unmenge von Wespen zwi­schen den Kin­dern he­rum­flie­gen zu haben? Man lege die Zwetschgen nicht auf den Hefeteig, son­dern packe sie darin ein. Bei der Erinnerung daran kriegt so manche Endfünfzigerin heute noch leuchtende Augen. Nicht zu ver­gessen die Tonnen von Plätzchen, die jährlich mit den Ju­gend­li­chen der Gemeinde gefertigt wurden, um damit die Senioren zu erfreuen. Mal ka­men so wenige Helfer, dass der bereits vor­bereitete Teig tags darauf noch allein weiterverarbeitet wer­den muss­­te. Mal waren es so viele, dass noch Zeit blieb, denjenigen das Spülen beizu­brin­gen, die mit dieser Kulturtechnik noch nicht so vertraut waren. Aber immer landete Schokolade auf dem Tep­pich, so dass es dem Wunder der nicht verrottenden Kleider des Volkes Israel auf der Wüsten­wanderung nahekommt, dass dieser so lange hielt.

Die Gemeindemitglieder haben es sowieso schon erraten: Es geht um Ursula Winkelmann. Über sie ließe sich tatsächlich ein eigener Vortrag füllen; deshalb hier nur der Schnelldurchlauf: Aufgewachsen in einem neuapostolischen Haus­halt in Wiesbaden. Lehre als Einzelhandels­kauf­frau bei Karstadt Sport. Selten um eine Antwort verlegen, aber hin und weg von dem ruhigen Nie­der­sachsen Klaus. Eine der unbe­stechlichsten Geburtstagslisten der Gemeinde: 2 Gläser Marm­elade oder Gelee sind garantiert. Aufbau der Seniorennachmittage. Blumenschmuck für den Altar, Putzen der Kirche, Polieren der Messing­säulen. Jüngstes Werk: die Sitzsäcke für den Eltern-Kind-Raum. Einer der von mir Interviewten brachte es auf den Punkt: „Ursula ist, wie ihr Mann Klaus, für alles im Werk Gottes zu gebrau­chen.“

Ich komme zum Schluss. Was ist meine persönliche Quintessenz aus der Beschäftigung mit diesen tollen Frauen?

Die christliche Botschaft braucht Menschen, die sie leben. Und Kirche brauchen Menschen, die sich kümmern. Ganz besonders und vor allem um die Kinder. Das macht Gemeinde zu einem Ort, wo sich Menschen zuhause fühlen und wo der nachkommenden Generation ein Kompass mitgegeben und ihr Sprachfähigkeit vermittelt wird. Sprachfähigkeit, um mit Gott und um mit Men­schen über den Glauben reden zu können. Kirche lebt also nicht nur von der Leitur­gía, son­dern auch von der Dia­konie, dem Dienst am Nächsten, und von der authentischen Ver­kündigung im individuellen Beziehungsgeflecht eines jeden einzelnen. Oder um es mit den etwas provo­kan­te­ren Worten des Theologen Klaus Douglass zu sagen: Schafe vermehren sich durch Schafe, nicht durch Hirten.

In diesem Sinne mag dieser Vortrag helfen, zum einen durch den Blick auf die Frauen unseren Blick zu weiten. Zu weiten auf all das, was über das Gottesdienstgeschehen hinaus Kirche und Gemeinde aus-, attraktiv und zukunftsfähig macht. Wir sollten also nicht nur auf bestimmte Auf­gaben oder Dienste schauen, sondern auf die Vielfalt der Gaben und auch auf das, was sich nicht so öffentlichkeitswirksam ist.

Zum anderen mag der Vortrag Anlass sein, nicht bis zum nächsten Jubiläum zu warten, um mal wieder Danke zu sagen. Danke für alle Arbeit, die in der Ge­mein­de getan wird. Der Dank gilt an dieser Stelle einmal allen Schwestern, die hier in der Gemeinde gewirkt haben oder heute aktiv sind. Den gern gebrauchten Einwand, wir nennen lieber niemanden, schon gar nicht na­mentlich, um am Ende keinen zu vergessen, möchte ich heute nicht gelten lassen. Denn meines Erachtens wird in Wahrheit nur umgekehrt ein Schuh daraus. Danke zu sagen hilft – auch gegen das Ver­gessen!

 

Nicht vergessen möchte ich heute auch, allen zu danken, die mit mir ihre Erinnerungen geteilt haben, damit dieser Vortrag entstehen konnte, und Ihnen/Euch allen für Eure Aufmerksamkeit!

Vielen Dank!

22. August 2023
Text: Jessica Kriewald

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